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Das Stück selbst, "Der alte Herr",
stammte von Beatrice Dovsky und wurde von der Kritik nicht sonderlich
gut aufgenommen. Trotzdem begann mit der offiziellen Eröffnungsvorstellung
am 7. Dezember 1905, bei der unter anderem Bürgermeister Lueger und
Statthalter Graf Kielmansegg anwesend waren, das Bürgertheater seine
Tätigkeit, die bald ein fester Bestandteil des Wiener Theaterlebens
werden sollte. Wenn wir die weitere Entwicklung dieser Bühne verfolgen,
so treffen wir auf so manchen Theaterhöhepunkt. In der zweiten Saison,
1906, wurden "Die Schuldigen" von Friedrich Gustav Triesch aufgeführt,
wobei Burgtheatergrößen wie Sonnenthal, Kallina, Paulsen, Gregori
und Wittels mitwirkten. Vom Burgtheaterdirektor Max Burckhardt stammte
das Wiener Volksstück "'s Katherl". Im Februar 1907 spielte
in diesem Stück die berühmte Volksschauspielerin Hansi Niese
und hatte einen großartigen Erfolg. Auch das Erfolgsstück "Die
Katakomben" von Gustav Davis, der weiterhin für das Repertoire
des Bürgertheaters bedeutsam blieb, gelangte in diesem Jahr zur Aufführung.
Immer wieder kamen Stücke zur Aufführung - z. B. "Gretchen"
von Davis -, die den Unmut der Kritiker und teilweise auch der Bevölkerung
hervorriefen. Die "Reichspost" schrieb zu diesem Stück
in ihrer Ausgabe vom 18. Oktober 1907: "Eine Unmöglichkeit löste
die andere ab, eine Ungeheuerlichkeit folgt der anderen. Was edlen Menschenseelen
heilig ist, wird lächerlich gemacht . . . Es ist wirklich grotesk,
wie man in einem Bürgertheater so etwas zu bieten wagt. Für
Bürger ist diese Kost nicht, Herr Direktor Fronz, taufen Sie das
Bürgertheater in ,Halbweltbühne` um oder wie Sie wollen, nur
nicht Bürgertheater darf dieser entheiligte Musentempel heißen,
nur nicht Bürgertheater." Das Bürgertheater war durch diese
"frivole Welle" etwas in Verruf gekommen. Es waren vor allem
die Stücke "Die blaue Maus" und "Tal des Lebens",
die Kritik hervorriefen. Dazwischen aber gab es immer wieder einhellig
akzeptierte Theaterhöhepunkte - so am 5. April 1909, als Alexander
Girardi als Schuster Weigl in L'Arronges "Mein Leopold" auftrat.
Eine Wende für das Bürgertheater kam mit dem Jahr 1910. Der
Betrieb war etwas ins Stocken geraten, man führte Stücke aus
der ältesten Lade auf, nichts Bedeutendes war weit und breit in Aussicht.
Da kam man von seiten der Theaterdirektion auf die Idee, auf Operettenbetrieb
überzugehen. Eysler hatte mit "Bruder Straubinger" 1903
großen Erfolg gehabt, Lehar 1905 mit der "Lustigen Witwe",
Oskar Straus 1907 mit dem "Walzertraum". Diese Idee brachte
den Wandel von der Sprechbühne zu einer der großen Wiener Operettenbühnen.
Und so komponierte Edmund Eysler seine Operette "Der unsterbliche
Lump" für das Wiener Bürgertheater. Am 14. Oktober 1910
fand die Erstaufführung statt. Der Erfolg war überwältigend.
Die Pressestimmen meinten, diese Operette von Eysler signalisiere den
Wechsel des Genres. Die Musik des Komponisten wurde gelobt, die solide
Instrumentation und die einfache Harmonisierung wurden hervorgehoben.
Das Ensemble kam eben falls mit besten Kritiken weg. Sicherlich trug dieser
große Erfolg dazu bei, daß Eysler "Hauskomponist"
des Bürgertheaters bleiben sollte. Am 23. Dezember 1911 gab man seine
neueste Operette "Der Frauenfresser", auch ihr war großer
Erfolg beschieden. Im März 1913 folgte die Uraufführung des
Werks "Der lachende Ehemann"; von der Kritik äußerst
positiv aufgenommen wurden vor allem die einprägsamen, anspruchslosen
Melodien. Bis zum Jahr 1921 erlebte dieses Eysler-Werk 1 793 Aufführungen!
Auch in den Jahren des Ersten Weltkriegs brachte man im Bürgertheater
in gewohnter Weise pro Saison mehrere Operetten heraus. An dieser Stelle
seien genannt: "Frühling am Rhein" von Eysler, "Drei
Musterweibchen" von Franz Werthner, "Die - oder Keine!",
ebenfalls von Eysler, sowie "Liebeszauber" von Oskar Straus.
Mitten in der bewegten Zeit des Ersten Weltkriegs (am 14. November 1918)
brachte man im Bürgertheater eine Detektiv-Operette von Eysler zur
Aufführung: "Der dunkle Schatz".
Auch in der jungen Republik spielte das Bürgertheater viele neue,
unbekannte Werke, daneben immer wieder auch "Klassiker" der
Operette. In der Leitung des Theaters scheinen ab Oktober 1924 erstmals
Oskar Fronz junior und Siegfried Geyer auf. Während der Spielzeit
1923/24 brachte man Robert Stolz' Operette "Mädi", zu der
Alfred Grünwald und Leo Stein den Text geliefert hatten, auf die
Bühne. Sogar der italienische Opernkomponist Pietro Mascagni versuchte
sich als Operettenschreiber und vertonte ein Libretto von Lombardo und
Franci. Das Werk hatte den Titel "Ja", der Name eines Mädchens
aus den Folies Bergeres. Die Operette wurde am 24. Jänner 1925 aufgeführt,
der Komponist Mascagni stand am Dirigentenpult des Bürgertheaters!
Wenige Tage danach, am 29. März 1925, starb Oskar Fronz in seiner
Hietzinger Villa. Er hatte fast zwei Jahrzehnte lang das Bürgertheater
geleitet.
Eine neue Ära brach mit dem Jahr 1926 an: die Zeit der Revueoperette.
In 18 Bildern ließen Karl Farkas und Fritz Grünbaum mit der
Musik von Egon Neumann im "Journal der Liebe" schöne Girls
ihre Beine zeigen, Rita Georg in einer Hosenrolle paradieren. Farkas selbst
sang, tanzte und erzählte schon damals in seiner charmanten Weise
Witze - dies alles zur höchsten Freude des Publikums. Ganz in dieses
Schema paßte auch das am 1. Oktober 1927 beginnende Gastspiel der
Marischka-Revue. Es wurde zum 430. Mal "Wien lacht wieder" aufgeführt.
In dreißig Bildern führten Karl Farkas und Fritz Grünbaum,
Musik von Ralph Benatzky, die vorjährige Schlagerrevue vor, die nichts
an Popularität eingebüßt hatte. Dabei gab es nicht weniger
als 120 Mitwirkende und 900 Kostüme. Die Zeit der "Alleinherrschaft"
der Operette war vorbei. Die Revue und mit ihr der Jazz hatten die Nachfolge
angetreten. In den ersten Jahren des Zweiten Weltkriegs war das Bürgertheater
nicht immer in Betrieb.
Nach einem längeren Intervall wurde das Haus im April 1942 wieder
eröffnet. Am 13. September 1945 stellte sich Franz Stoß als
neuer Direktor des Hauses vor. Seinen Einstand hatte Stoß mit dem
Pariser Volksstück "Im sechsten Stock" von Alfred Gehri.
Das in diesem Stück eingesetzte hervorragende Ensemble stammte zum
größten Teil aus dem Theater in der Josefstadt. Das Bürgertheater
sollte unter Stoß sozusagen eine volkstümliche Zweigstelle
der Josefstadt werden. Schon auf den Theaterzetteln des ersten Direktionsjahres
fand man berühmte Namen - Annie Rosar, Guido Wieland, Gusti Wolf,
Anton Gaugl. Der neue Direktor wollte sein besonderes Augenmerk auf das
Volksstück richten. Interessant ist die Darstellung, die der neue
Direktor in einem Programmheft zu einer Wiener Posse von Hans Müller
mit dem Titel "Morgen geht's besser" gibt, in der er sich mit
der Stellung des Bürgertheaters auseinandersetzt. Stoß schrieb
unter anderem: "Es war dem Haus nicht vergönnt, irgendein nur
ihm eigenes Gesicht zu erhalten und zu bewahren. Als ich im Vorjahr die
Direktion des Theaters übernehmen durfte, da beabsichtigte ich, aus
dem Wiener Bürgertheater das Haus der heiteren volkstümlichen
Stücke mit Musik aller Zeiten und Länder zu machen . . . Meine
Hoffnungen auf eine rege, durch die bloße Existenz eines volkstümlichen
Theaters angeregte, literarische Betätigung erfüllten sich nur
zum Teil . . . Das Wiener Bürgertheater wird also in der Saison 1946/47
zwei Autoren, die aber gleichzeitig als Schauspieler und Regisseure an
der Verwirklichung ihrer Stücke mitarbeiten, als solche Hausdichter
fest verpflichten: Martin Costa und Kurt Nachmann." Es folgten Stücke
wie "Valnocha der Koch" oder "Der alte Sünder"
(Musik von Hans Lang) von Martin Costa. Einen der letzten großen
Theatererfolge erlebte das Bürgertheater mit der "Walzerkönigin",
einer Operette von Hubert Marischka, Musik von Ludwig Schmidseder. "Hochzeitsnacht
im Paradies" oder "Feuerwerk" brachten immerhin so prominente
Darsteller wie Fritz Imhoff, Heinz Conrads, Maria Eis, Waltraud Haas oder
Harry Fuß auf die Bühne des Bürgertheaters. Aus dem versprochenen
Volksstückrepertoire war allerdings nicht allzu viel geworden. Einen
letzten Versuch startete im Dezember 1953 Harald Röbbeling, der das
Bürgertheater nun unter dem hochtrabenden Namen "Broadwaybühne"
präsentierte und Shakespeares "Romeo und Julia" aufführte.
Das Stück fiel vollkommen durch, der neue Direktor blieb nur 6 Tage
in Amt und Würden. Nach dem Debakel bei der Premiere am 27. Dezember
stellte sich bereits zwei Tage später der Exekutor ein.
Das aufgelassene Bürgertheater diente in den fünfziger Jahren
als Studio des Senders Rot-Weiß-Rot, für die "Österreichische
Spielwarenschau" und als "Haus der Jugend". Schließlich
wurde das Gebäude an die Zentralsparkasse der Gemeinde Wien verkauft,
die das Areal zur Errichtung ihrer Hauptanstalt gewählt hatte.
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