Frühgeschichte

Es ist eine bekannte Tatsache, daß es sich bei dem Bezirk Landstraße um einen uralten Kulturboden handelt. Den Nachweis dafür erbringen - vor dem Einsetzen schriftlicher Quellen - die Bodenfunde; es sind dies Reste von Siedlungen und Gräbern, vergrabene Kuhgegenstände und ähnliches. Diese Funde, wenn sie durch Bauarbeiten oder durch gezielte Grabungen ans Tageslicht kommen, können uns wertvolle Hilfe in der Erkenntnis der damaligen Zeit bieten. Was die Landstraße betrifft, so reichen die ältesten Ausgrabungen bis in die Bronzezeit zurück. Es sind Fundobjekte, die aus der Zeit um 1 200 v. Chr. stammen. Zwei Gegenstände aus Gräbern sind hier zu nennen, deren Entdeckung mehrere Jahrzehnte zurückliegt: eine Urne, die beim Bau des Gebäudes der Staatsdruckerei im Vorgarten des Botanischen Institutes in 5 m Tiefe zum Vorschein kam, und eine Bronzenadel, gefunden bei den Schwarzenbergschen Häusern in der Prinz-Eugen-Straße 1.

Relativ wenig ist bis heute aus der Hallstattzeit bekannt. Zwei bemerkenswerte kleine Tierfiguren aus Bronze, die eine vor dem Haus Landstraßer Hauptstraße 9, die andere in der Klimschgasse beim Rudolfspital aufgefunden, werden in die Hallstattzeit (etwa 900 bis 400 v. Chr.) datiert. Jedoch können wir, abgesehen von den spärlichen archäologischen Funden, auch in jener Zeit eine Besiedlung auf dem Gebiet des dritten Bezirks annehmen. Konkreten Anlaß zu dieser Vermutung gibt der Name einer ehemaligen Feldflur, die hart an der Grenze des dritten und elften Bezirks, in der Nähe des heutigen St. Marxer Friedhofs, lag und vermuten läßt, daß hier ein Grabhügel aus der Hallstattzeit vorhanden war. Dieser Grabhügel wird noch in der sogenannten "Chronik der fünfundneunzig Herrschaften" aus der Zeit Rudolfs IV., des Stifters, erwähnt. Es heißt dort, daß "in dem pühel bey Sand Lazar auf dem velde" ein heidnischer König samt Frau begraben sei. Nun ist mit St. Lazar nichts anderes als das spätere St. Marx gemeint. In älterer Zeit findet sich auch noch, südöstlich am St. Marxer Friedhof gelegen, der Riedname "die Leber", ebenso wie die Bezeichnungen "Leberfeld" und "in Lebern". Unter Lever oder Leber, Lee, Leeberg und Leberberg (aus dem althochdeutschen hlewes = der Hügel) verstand man einen über dem Leichnam eines Stammesfürsten aufgeführten Grabhügel. Die heutige Lebergasse, die im dritten Bezirk beginnt und am Ende der St. Marxer Friedhofsmauer in den elften Bezirk übergeht, leitet ihren Namen von dieser ehemaligen Feldflurbezeichnung ab.

Mit dem Vordringen der Kelten in unsere Heimat begann auch die Verbreitung der nach einem berühmten Fundort am Neuenburger See in der Schweiz benannten La-Tene-Kultur. Mit großer Wahrscheinlichkeit können wir eine zwischen Rennweg und dem höher gelegenen Belvedere zu lokalisierende keltische Siedlung annehmen. Es ist vor allem die Entdeckung eines großen keltischen Silberschatzes im Jahr 1880 auf der Simmeringer Hauptstraße 56, die diese Annahme rechtfertigt. Damals wurden an die 300 keltische Königsmünzen bei Grabungsarbeiten zutage gefördert., Und ebenso wie man aus der Flurbezeichnung Leberberg auf eine prähistorische Siedlung schließen kann, läßt dieser Fund die Folgerung zu, daß auf dem Grund der älteren Ansiedlung - oder jedenfalls nicht weit davon entfernt - auch eine keltische Siedlung entstand. Durch das Verhalten der Römer, ihre Siedlungen, Lager und Straßen meistens dort anzulegen, wo schon von früheren Bewohnern Vorarbeit geleistet worden war, darf ebenfalls vermutet werden, daß den keltischen Ansiedlungen in unserer Gegend eine gewisse Bedeutung zugekommen sein muß. Die in später Römerzeit so wichtige Verbindung Rennweg - Simmeringer Hauptstraße geht sicher auf einen prähistorischen Weg zurück.

Man nimmt heute an, daß die keltische Siedlung, die sich auf dem jetzigen Bezirksgebiet befand, offenbar ziemlich vollständig bis zur Römerzeit erhalten blieb. So sehr es erfreulich ist, daß man immer häufiger archäologische Funde aus der Zeit der Römerherrschaft in unserer Heimat macht, so sehr ist aber auch die Tatsache zu bedauern, daß durch die rege römische Bautätigkeit eine große Zahl vorrömischer Wohnstätten und Gräber zerstört wurde. Dies lässt sich an einigen Orten der Landstraße dokumentieren, wenn man etwa einen römischen Brennofen ausgräbt, in dessen unterster Schicht Reste von Töpfen aus vorgeschichtlicher Zeit entdeckt werden.

Nach einer jahrhundertelangen Selbständigkeit wurden die Kelten dem damaligen römischen Imperium eingegliedert. Damit begann auch für die Landstraße ein neuer und wesentlicher Abschnitt ihrer Geschichte.


Wien zur Zeit der Römer

 


Das Bild zeigt und einen Fundort an der heutigen Adresse Rennweg44

weiter mit der Römerzeit