Weißgerber

Bei weitem nicht so alt wie die Geschichte Erdbergs ist jene der Vorstadt Weißgerber, deren Name erst im 16. Jh. auftaucht. Entstanden war die Vorstadt im überschwemmungsgefährdeten Rückstaugebiet des Wienflusses durch die Ansiedlung von Flecksiedern, Rot- und Weißgerbern. Die Lederer, Gerber und Flecksieder siedelten ursprünglich vor dem Stubentor gegen die Donau zu und waren, obwohl man sie wegen der Unreinlichkeit ihres Gewerbes in der Stadt nicht duldete, Bürger in der Stadt. Im Jahr 1529 waren während der Türkenbelagerung ihre Häuser großteils zerstört worden.

Ferdinand I. veranlasste, daß die Gerber (auch Irher oder Ircher genannt) ihre Arbeitsstätten am linken Wienufer zwischen Stubentor und Donau über das Wasser an das andere Ufer zu verlegen hätten. Hier hatte sich bereits eine Siedlung, durchwegs aus Gärtnern, Fleischhauern und Darmwäschern bestehend, gebildet, die den Namen "Alttunaw" führte. Hart an der Donau standen zu jener Zeit die öffentlichen Schlagbrücken der Fleischhauer.
Sie wurden hier angesiedelt, um Verunreinigungen durch das Schlagen der Tiere zu vermeiden. Gleich nach diesen Brücken folgten verschiedene Krümmungen des Wasserlaufes Richtung Erdberg (etwa bis Simmering). Man nannte diese Gegend, nachdem die Donau sich einen anderen Weg durchgebrochen hatte, den alten Donaurinnsal, woraus sich der Name "Alttunaw" erklären lässt. Dabei stoßen wir auf einen anderen Namen einer Ansiedlung, die seit der Ersten Türkenbelagerung nicht mehr bestand. Es handelt sich um die am linken Wienflussufer gelegene "Scheffstraße" oder auch "Schöffstraße". Sie zog sich vom Stubentor, die spätere Dominikanerbastei und Biberbastei umkreisend, bis zum Donaukanal hin. Die Scheffstraße bildete eine eigene Gemeinde mit eigenem Gotteshaus und Richter. Die Ansiedlung war schon durch Matthias Corvinus arg zerstört worden und ging dann im Türkensturm 1529 endgültig unter. Aufgrund strategischer Gesichtspunkte (bei einer neuerlichen Belagerung der Stadt hätte sie leicht zu einem Stützpunkt des Feindes werden können) wurde sie nicht mehr errichtet.
Als die Gerber innerhalb ihres neuen Gebietes einen immer stärkeren Einfluß hatten und eine dominierende Stellung einnahmen, bekam die Ansiedlung zunächst den Namen "Alttunaw-Gemeinde der Weißgerber", was später von "Unter den Weißgerbern" abgelöst wurde.

Weißgerber aus dem Plan von Wien
von Josef Daniel Gruber, um 1770

Nur durch weniges ist die kleine Vorstadt in Erscheinung getreten. Ausnahmen bildeten das Hetztheater (siehe S. 103f.), der "Ochsen-Standt", auf dem bis gegen Ende des 18. Jh.s jeden Freitag das auf der Landstraße herangetriebene Vieh feilgeboten und auch gleich geschlachtet wurde, und die sogenannte "Gänseweide", auf der Hinrichtungen stattfanden. Wenden wir uns den grundherrschaftlichen Verhältnissen zu: Ähnlich wie bei Erdberg übte auch hier lange Zeit der Landesfürst die Grundherrschaft aus. Im Jahr 1693 kam die Weißgerbergemeinde schliesslich durch Ankauf um 10 000 fl. an den Wiener Magistrat, der - mit einigen Ausnahmen - von da an die Grundherrschaft ausübte. Insgesamt finden wir folgendes Bild: Wiener Stadtmagistrat, Stift Schotten, Dom-Custodie, Bürgerspital.

Mit dem Ende des 17. Jh.s war für die Gemeinde eine neue Epoche angebrochen. Die Stadt Wien ersuchte den Monarchen, die seit langem laufenden Streitigkeiten mit der landesfürstlichen Grundherrschaft über die städtischen Burgfriedensrechte zu enden. Die Stadt bat, ihr diesen Grund als Entschädigung für die bei der Zweiten Türkenbelagerung und bei der Ausdehnung der Fortifikationslinien verlorenen bürgerlichen Häuser zu überlassen und stellte vor:

  • a) daß es sich um Bürger handle, über die sie ohnedies bereits die Jurisdiktion ausübe;
  • b) daß die Gefälle des Grundbuches von diesem Ort für das k. k. Vizedomamt unbedeutend wären;
  • c) daß nur durch Überlassung der Realjurisdiktion an die Stadt der lange Prozeß beendet werden könne.

Der Kaiser bewilligte schließlich diese Bitte, und somit wurde der Grund Weißgerber mit seinen damals 60 Häusern und rund 2000 Einwohnern 1693 der Stadt überlassen. Dadurch wurde Weißgerber zu einer Vorstadt erhoben und der aus Gnaden des Landesfürsten vergrößerte Burgfrieden mit Markierungssteinen gegen Erdberg und die Landstraße abgegrenzt. Nähere Verbindung zu Wien bekam die Vorstadt aber erst durch das unter Maria Theresia erbaute Theresientor und 1782 durch den über den Wienfluß führenden Steg. Zu Anfang des 19. Jh.s unterstand die Vorstadt in Real- und Personalangelegenheiten dem Magistrat der Stadt Wien.
Versuchen wir, die Grenzen dieser kleinsten der drei den späteren dritten Bezirk bildenden Vorstädte zu rekonstruieren, wozu wir, ähnlich wie bei Erdberg, die Situation zu Beginn des 19. Jh.s heranziehen wollen. Die Grenzen verliefen folgendermaßen: Entlang des Donaukanals die Weißgerber Hauptstraße - Armensündergasse (heute Weißgerberlände) - An der Gänseweide (Gebiet der heutigen Rotundenbrücke) - Marxergasse - Gärtnergasse - von dieser parallel zur Hetzgasse abzweigend bis zum Wienfluß - diesem folgend bis Weißgerberstraße.
Noch bis ins 19. Jh. entwickelte sich die Siedlung ziemlich planlos auf meist gärtnerisch genutzten Gründen. Zu Anfang des 19. Jh.s finden wir in der 108 Häuser und 2 300 Einwohner zählenden Gemeinde (Stand von 1812) überwiegend Gärtner, daneben auch Fleischhauer und Flecksieder, jedoch kaum Fabriken. Der äußere Eindruck der Ortschaft war ähnlich dem Erdbergs. Die Häuser waren meist klein und ebenerdig, von vielen Gärten umgeben.

In der Zeit des Hetztheaters war der Ort aus seiner idyllischen Ruhe gerissen und oft Schauplatz abstoßender Vorführungen, zu denen Publikum aus nah und fern herbeiströmte. Doch das Abhalten besonders grausamer Spektakel in der ehemaligen Vorstadt begegnet uns schon früher in ihrer Geschichte: Die sogenannte Gänseweide, an der Peripherie der Ortschaft gelegen, war jener Platz, an dem etwa seit dem 14. Jh. zum Tode Verurteilte hingerichtet wurden, was meist durch Verbrennen geschah. Die schaulustigen Bewohner sahen aber nicht nur Hinrichtungen von Kriminellen, sondern auch "Hexenverbrennungen" auf der Gänseweide.

Noch zu Beginn des 18. Jh.s loderten hier die Scheiterhaufen. Nachdem diese Hinrichtungsart abgeschafft worden war, fanden auf dieser Stätte Exekutionen von Militärangehörigen statt, die wegen Delikten, meist Desertation, zum Tode verurteilt waren. Die grausamsten und abscheulichsten Szenen aber erlebte die Gänseweide im 15. Jh., genau gesagt im Jahr 1421. Damals kam es zum sogenannten "Wiener Geserah". Es ist von der Forschung noch nicht eindeutig geklärt, warum unter Herzog Albrecht V. jene unheilvolle Entscheidung getroffen wurde, durch welche die Wiener Judengemeinde ausgerottet wurde. Die verschiedensten Interpretationen werden von der Forschung geboten, meist werden religiöse, vermögensrechtliche oder machtpolitische Argumente ins Treffen geführt.
Die Juden waren als Geldgeber mit dem Wirtschaftsleben eng verbunden: Einerseits waren die Christen durch das damals noch streng gehandhabte kanonische Zinsverbot von Geldgeschäften ausgeschlossen, andererseits wurden die Juden von den Landesfürsten immer wieder, durch Privilegien in ihren wirtschaftlichen Positionen gestärkt, als Geldgeber herangezogen.

Nicht selten finanzierten sie die Politik des jeweiligen Herrschers, oftmals auch unter Anwendung diverser Druckmittel. Deshalb schützten die Landesherren die Wiener Judenstadt; sie wussten die wirtschaftliche Potenz der Juden zu schätzen. Die eher fadenscheinigen Argumente, die 1421 vorgebracht wurden, dürften nicht der wahre Grund gewesen sein (man nahm z. B. auf eine ein Jahr zurückliegende Hostienschändung in Enns Bezug). Unter Umständen trachtete der den Juden an sich nicht freundlich gesinnte Albrecht V., die Stimmung im Volk für sich zu gewinnen. Er versuchte, die Verschuldung, in die seit der Jahrhundertwende aufgrund einer Wirtschaftskrise nicht nur Bürger, sondern auch Adelige und Geistliche geraten waren, dadurch zu beheben, daß er die Juden aus Wien vertrieb und aus ihrem Vermögen die Schulden seiner Untertanen tilgte.

So kam es zu jener als "Wiener Geserah" bezeichneten Austreibung der gesamten jüdischen Bevölkerung aus dem Wiener Getto. Den ärmeren Juden gestattete man die Ausreise mit Donauschiffen, die Reichen behielt man in Wien zurück und zwang sie unter Anwendung von Folter, die Verstecke ihres Vermögens preiszugeben.
Die Überlebenden, 90 Männer und 120 Frauen, schleifte man am 12. März 1421 zur Richtstätte auf die Gänseweide, wo sie verbrannt wurden; dies geschah in Gegenwart des Herzogs und seiner Räte sowie eines zahlreich versammelten Volkes, das sich dieses Spektakel nicht entgehen lassen wollte.

Damit war die spätere Vorstadt "Unter den Weißgerbern" zum Schauplatz eines der grausamsten Kapitel in der Geschichte unserer Stadt geworden.