Landstraße

Die Vorstadt Landstraße, die dem späteren dritten Bezirk auch seinen Namen gab, ist nicht nur die flächenmäßig größte der drei ehemaligen Vorstädte, sie hat auch die inhaltsreichste Geschichte. Entwickelt hat sich die Vorstadt Landstraße aus jener Niederlassung, die sich um das früher hier befindliche Frauenkloster St. Nikolai vor dem Stubentor (siehe S. 85f.) gebildet hatte. In dieser Gegend, wo der Anstieg zur Terrasse des Wientales überwunden ist, entwickelte sich der Altkern des späteren Bezirks. Die Vorstadt wurde ursprünglich, um 1200, "Niklasvorstadt" genannt, etwa ein Jahrhundert später Landstraße.

Zweifellos trug die Tatsache, daß mit der späteren Landstraßer Hauptstraße und dem Rennweg zwei schon in der Antike geschätzte Verkehrsverbindungen gleichsam vorgezeichnet waren, zur Entscheidung bei, hier eine Niederlassung zu gründen. 1302 taucht in einer Urkunde der Name Landstraße bereits auf. Ein Gut "Wirochperge" wird hier genannt, wobei damit eine Anhöhe am rechten Ufer des unteren Wienflusses zwischen dem Nikolaikloster und der späteren Weißgerbervorstadt gemeint ist. Die genauere topographische Bezeichnung enthält dann die Passage "in Hirspeunt circa Lantstrazz". Damit war jene alte, vom Stubentor weg stadtauswärts führende Straße gemeint, deren Name sich davon ableitete, daß sie als Heeres- oder Landstraße direkt nach Ungarn führte. Selbst die Gegend vor dem Stubentor scheint noch im 15. Jh. in den unterschiedlichen Bezeichnungen der Vorstadt auf: Neben "Vor dem Stubentore" und "Bey St. Nicola" tritt auch der Name "An der Landstraß" auf. Die vom Stubentor wegführende Straße teilte sich bei St. Marx (auf diesen Namen kommen wir noch zu sprechen) in zwei Teile.

Vogelschauplan der Vorstadt Landstraße,
aus: "Lustra decem coronae Viennensis...", 1734

Der "auf der Höhe" gelegene hieß Rennweg, der andere, der tiefer lag, behielt den Namen Landstraße. Beide Teile wurden durch die spätere Ungargasse verbunden; ihr Name leitete sich davon ab, daß sich schon in der Frühzeit zahlreiche, vor allem aus Ungarn kommende Kaufleute hier einquartierten. Der Existenz dieser Hungargasse, wie man sie früher nannte, verdankte die Landstraße viel im Hinblick auf ihre Weiterentwicklung zu einer bedeutenden Vorstadt. Ähnlich wie die spätere Hauptstraße der Vorstadt geht auch der zweite wichtige Straßenzug der Landstraße, der Rennweg, auf römische Limesstraßen zurück. In der Frühzeit dürfte hier nur eine Art Saumpfad durch die Uferlandschaft geführt haben.

Etwa ab dem 14. Jh. und auch später sind entlang des Rennwegs Weingärten nachzuweisen. In der ersten Hälfte des 16. Jh.s bestand am Rennweg eine Schießstätte, wo sich die Bürger der Stadt im Gebrauch der Waffen üben konnten. Der Name dieses Verkehrsweges leitet sich von einer Veranstaltung ab, die zwischen 1382 und 1534 (mit wenigen Ausnahmen) zweimal jährlich hier abgehalten wurde, nämlich das sogenannte "Scharlachrennen". Normalerweise wurde dieses Pferderennen, in Verbindung mit dem unter Albrecht III. den italienischen Kaufleuten "zu Wienne gewährten jahrmarktprivilegium" entstanden, jeweils am Himmelfahrtstag im Mai sowie am Katharinentag im November ausgetragen. Dieses Scharlachrennen fand auf zwei Bahnen statt: Über den Rennweg zwischen St. Marx und Wien und über die heutige Beatrixgasse und Ungargasse wieder zum Rennweg zurück. Frühmorgens schon erfolgte der Auszug durch das Stadttor, allen voran ritten Herolde. Ein Mann trug den Preis für den Sieger voran, ein kostbares Scharlachtuch, das dem Wettrennen seinen Namen gab. Dann folgten die Reiter, die Läufer und Läuferinnen. Mit im Zug kamen auch die sogenannten "Hübschlerinnen", junge Mädchen, die nach dem Pferderennen noch ein Wettlaufen um Stücke von Barchent veranstalteten.

Eine der ältesten Einrichtungen des Bezirks Landstraße war das Bürgerspital von St. Marx. Schon seit dem beginnenden 14. Jh. bestand in weiter Entfernung von der Stadt ein Spital für Aussätzige. Infolge der Kreuzzüge und dem Kontakt mit dem Orient gab es häufig Fälle von Pest und Aussatz in Wien. Für die Aussätzigen entstanden eigene Siechenhäuser. Als eines der ersten entstand das unter der Leitung des Lazarusordens stehende Siechenhaus St. Lazar, so der ursprüngliche Name der Anstalt. (Lazarus ist der Patron der Kranken und Aussätzigen; der Name "Lazarett" leitet sich auch davon ab.) Die im Spital befindliche Kapelle wurde 1370 dem heiligen Markus (St. Marx) geweiht; von dieser Zeit an führte St. Lazar, das gelegentlich auch unter dem Namen "St. Johann vor dem Stubentor" aufscheint, die Bezeichnung St. Marx, ab 1394 wurde die Anstalt "Bürgerspital zu St. Marx" genannt. Das Spital hatte immer eine eigene Verwaltung, die nach der Ersten Türkenbelagerung, als die Gemeinde die Oberleitung erhielt, auf dieselbe Weise wie in dem in der Stadt befindlichen Bürgerspital eingerichtet wurde. Erst nach 1529 gelangten die Vermögenschaften des Spitals zu St. Marx durch verschiedene größere Stiftungen zu ansehnlicher Bedeutung.
Das Spital besaß zu jener Zeit reichlich Güter, wie Äcker zu Erdberg, auf der Wieden, in Simmering oder Weingärten in Grinzing, Gersthof und Perchtoldsdorf; von den Erträgen der Wirtschaft deckte das Spital seine Auslagen. Im 17. Jh. bot das Spital Platz für 150-200 Kranke, nach seiner Inkorporierung in den Bürgerspitalsfonds im Jahr 1706 wurde es erheblich vergrößert und konnte rund 500 Personen aufnehmen. In dieser Verwendung blieb es bis 1784, jenem Jahr, in dem die Kranken in das neu errichtete Allgemeine Krankenhaus übersiedelten. Nach St. Marx wurden 1785 aus dem Bürgerspital in der Stadt 87 gebrechliche arme Bürger verlegt. In dieser Funktion verblieb es bis 1861; in diesem Jahr übersiedelten die Insassen in das neuerbaute Bürgerversorgungshaus im neunten Bezirk. Den Spitalskomplex erwarb in der Folge der Bierbrauer Adolf Mautner, der schon früher die in der Nähe befindliche Brauerei gepachtet hatte. Bald erfolgte die Umgestaltung des Anwesens in eine Bierbrauerei, die sich bald zu einer der größten Brauereien Österreichs entwickelte. Im Zuge der Zentralisierung der Biererzeugung in Schwechat wurde die Brauerei St. Marx aufgelassen. Die Reste des Bürgerspitals, das im Zweiten Weltkrieg beschädigt worden war, ersetzte man nach dem Krieg durch Neubauten.

In der Entwicklung der jungen Vorstadt Landstraße begann mit der Übernahme der Herrschaft Rudolfs von Habsburg in Österreich, Mitte des 13. Jh.s, eine rund 170 Jahre dauernde friedliche Periode, die durch keine Kriegswirren oder ähnliches gestört wurde. Doch auf diese friedliche Epoche folgten kriegerische Zeiten, in denen die Landstraße stark in Mitleidenschaft gezogen wurde. Zunächst war die Vorstadt teilweise in die Auseinandersetzungen zwischen Friedrich 111. und seinem Bruder Albrecht VI. verwickelt. Vor allem die Gegend des Nikolaiklosters wurde Schauplatz der Kämpfe zwischen den Anhängern der beiden Kontrahenten. Schon 20 Jahre später drohte die nächste Gefahr: der Ungarnkönig Matthias Corvinus belagerte im Zuge seiner Fehde mit Kaiser Friedrich III. Wien wochenlang. Im Jänner 1485 begann Matthias Corvinus mit der Belagerung. Der König hatte sein Lager vor dem Schottentor aufgeschlagen, sein Oberbefehlshaber Stefan Zapolya stand mit seinen Truppen am Wienerberg. Dann änderten die Ungarn ihre Taktik und marschierten auf die Landstraße los, durchbrachen die Bollwerke und Verhaue dieser Gegend, nahmen das Kloster St. Nikolai ein und drangen bis zur Brücke beim Stubentor vor. Die Hungersnot in der Stadt und ihrer Umgebung war immer fühlbarer geworden. Die Bewohner der Vorstadt Landstraße waren großteils geflüchtet oder während der Kampfhandlungen umgekommen. Bald mußte die Stadt übergeben werden. In der Landstraße wurde Matthias Corvinus von der Geistlichkeit, dem Bürgermeister und Stadtrat und von viel Volk erwartet. Drei Jahre dauerte die Herrschaft des Ungarnkönigs, bis zu seinem Tod im Jahr 1490.

Bald danach erschien aber jener Feind, der zweimal Stadt und Vorstädte bedrohen sollte und arge Verwüstungen anrichtete: die Türken. Schon nachdem Ofen gefallen war, wurden aus taktischen Gründen die Vorstädte zum Großteil abgebrochen. Unzählige Gebäude, die relativ nahe der Stadtmauer standen, Kirchen und Klöster, die Holzbauten der Luken, gingen auf Befehl des Stadtkommandanten in Flammen auf. Am 23. September 1529 erschienen türkische Soldaten vor dem Spital in St. Marx, schwärmten über die Landstraße und den Rennweg durch die gesamte Vorstadt. Einer der ersten Ausfälle der Wiener unter der Führung des Grafen Hardegg endete mit einem Fiasko: Die Köpfe einiger Österreicher mussten von anderen Gefangenen auf Stangen zum Sultan gebracht werden. Großwesir Ibrahim hatte sein Lager auf heutigem Bezirksgebiet aufgeschlagen, das Zelt des Sultans stand in der Gegend des Neugebäudes in Simmering. Nach der Belagerung Wiens und dem Abzug der Türken boten die Vorstädte ein Bild der Verwüstung. Die Landstraße war zur öden Stätte geworden, das Nikolaikloster war zerstört. Die Luken rund um die Stadt verschwanden, ihr Wiederaufbau wurde untersagt. Noch nach rund 50 Jahren, 1576, hatte die Landstraße noch immer nicht den Umfang erreicht, den sie vor der Belagerung hatte.

Der Beginn des Dreißigjährigen Krieges brachte wieder Feindesscharen in das Gebiet der Vorstadt. Der Anführer des böhmischen Aufstandes, Graf Matthias Thurn, rückte mit einem Heer von etwa 10 000-15 000 Mann, von Laa kommend und die Donau bei Fischamend übersetzend, gegen Wien vor. Relativ rasch wurden die unbefestigten Vorstädte besetzt. Die Hauptmacht der Böhmen konzentrierte sich eindeutig auf das Gebiet des heutigen zweiten und dritten Bezirks. Anfang Juni 1619 wurden die böhmischen Truppen einquartiert, eine Blockade Wiens lag in der Absicht Thurns. Der Graf selbst schlug sein Hauptquartier in St. Marx auf; besondere Bedeutung fiel auch der sogenannten Gänseweide zu, auf der sich ein Großteil der Truppen verschanzte. Einige Schreiben Thurns nach Prag tragen den Vermerk "In der Wiener Vorstadt Landstraß genandt, so nebst beim Stubentor". Doch aufgrund schlechter Ausrüstung und mangels Hilfe der protestantischen Stadtbevölkerung sah sich Thurn gezwungen, das Unternehmen schon nach wenigen Tagen abzubrechen und wieder den Rückzug anzutreten.

Im Lauf des 17. Jh.s begann sich die Landstraße von den immer wiederkehrenden Schicksalschlägen der mehrmaligen feindlichen Überfälle zu erholen. Es war die Zeit, als die Beschuhten Augustiner hierher kamen und die Rochuskirche gegründet wurde. Die ersten adeligen Sommersitze entstanden in der Vorstadt. Im Jahr 1646 zählte die Landstraße mit Weißgerber und Erdberg 257 Wohnhäuser und über 1 000 Einwohner. Doch sollte der Frieden wiederum nicht lange dauern. Kaum hatte die Vorstadt 1679 eine Pestseuche überstanden, als 1683 die Zweite Türkenbelagerung über Wien hereinbrach. Obwohl die Landstraße bei dieser Belagerung von geringerer strategischer Bedeutung war (die Türken bewegten sich vor allem den westlichen Bezirken zu), gingen Weißgerber, Erdberg und Landstraße in Flammen auf. Abermals bot sich nach Vertreibung des türkischen Heeres ein Bild des Grauens. Verödet und in Trümmern blieben die Häuser der Bewohner bis 1690.
Dann allerdings erfolgte ein wesentlich rascherer Wiederaufbau als nach der ersten Belagerung. Nachdem die dauernde Gefahr aus dem Osten nun endgültig gebannt war, setzte eine Bauperiode ein, die das Gesicht der Landstraße, aber auch vieler anderer Vorstädte, in den nächsten Jahrzehnten verändern sollte. Es kam jetzt die Phase, die durch eine regelrechte "Bauwut" gekennzeichnet war. Adel und reiches Bürgertum strömten aus der Stadt, ein Sommerpalais im Grünen wurde in Adelskreisen fast zum Statussymbol. Gerade die Landstraße war in dieser Hinsicht eine der auserwählten Vorstädte. Die Baulust nahm in der Mitte des 18. Jh.s derart zu, daß eine beachtliche Anzahl neuer Gassen entstand, die das Aussehen und die Größe der Vorstadt entscheidend veränderten. Noch 1775 besaß die Landstraße 13 Gassen mit 336 Häusern. Diese Entwicklung ging sprunghaft weiter: 1783: 343 Häuser, 1812: 515, 1849: 741.

Wir wollen, wie bei den anderen beiden Vorstädten, einen Blick auf die Grundherrschaftsverhältnisse (etwa ab dem 17. Jh.) richten. Dabei fällt auf, daß im Gegensatz zu Erdberg und Weißgerber die Besitzverhältnisse keineswegs eindeutig waren. Größter Grundherr war zwar auch hier der Stadtmagistrat, doch mußte er in vielen Fällen die Herrschaft mit anderen Besitzern teilen, wie der Cameral-Administration, den Augustinerpatres, der Herrschaft Jägerzeile, dem Schottenstift, dem Domkapitel, dem Bürgerspital und dem Staats-Realitätengrundbuchsamt. Als Alleinbesitzer, außer dem Stadtmagistrat selbst, werden folgende Namen angeführt: Stiftsherrschaft Schotten, Johanniterorden, Herrschaft Jägerzeile, Cameral-Administration, Dominikanerorden, Augustinerorden, Herrschaft Schaumburgerhof, Bürgerspital, Hoffmansche Stiftung, Pillotsche Stiftung, ständische Freigründe. Es gab also auf der Landstraße eine wesentlich größere Palette der Grundherrschaften als in den Nachbargemeinden.

Die Grenzen der Vorstadt verliefen im wesentlichen folgendermaßen: Entlang des Wienflusses bis zum Rennweg - Rennweg mit angrenzenden Gründen - St. Marxer Linie - Landstraßer Hauptstraße - bei Erdbergstraße bis Marxergasse - Spitalgasse entlang des Wienflusses bis Rennweg.

Anders als bei den anderen beiden Vorstädten hatte sich auf der Landstraße auch wesentlich zahlreicher das Gewerbe entwickelt. Neben verschiedenen Lebensmittelhandlungen entstanden: eine Zuckerraffinerie, Kleiderhäuser, Schneider, Lederwarenerzeuger, Glashandlungen. Auch Manufakturen und Fabriken wurden im 18. und 19. Jh. gegründet. Neben einer chemischen Fabrik finden wir Tuchfabriken, Spiegelfabriken, Buchdruckereien. Eine Fabrik sei an dieser Stelle besonders hervorgehoben: die Klavierfabrik des Johann Andreas Streicher. Der aus Stuttgart stammende Streicher entwickelte für seine Fabrikationsstätte in der ersten Hälfte des 19. Jh.s bald zum Zentrum des Klavierbaues. Vor allem der in seinem Haus in der Ungargasse 46 errichtete Konzertsaal hatte viele prominente Künstler zu Gast; der "Streichersaal" war Schauplatz vieler Konzerte.

Wirklich entscheidende Änderungen im Gesamtgefüge der Landstraße brachte dann die im Jahr 1850 erfolgte Eingemeindung der drei zum dritten Wiener Gemeindebezirk zusammengefassten Vorstadtgemeinden. Die stille Vorstadt wandelte sich zum modernen Bezirk.